Beobachtungen:
* Nächster Schritt im zweiten Durchbruch der AfD. Die Partei ist deutlich und unbestritten Wahlsiegerin in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Ergebnis von fast 40 Prozent und dem ersten Platz.
* Die SPD konnte erneut eine Duell-Situation herstellen und diese erfolgreich Personalisieren. Doch anders als bei vorangegangenen Wahlen konnte die AfD auch mit dieser Strategie nicht mehr abgefangen werden.
* Im Zuge dieser sehr prägenden Kampagne gerieten alle weiteren demokratischen Parteien stark unter Druck, die CDU verpasste den Landtagseinzug.
* Auch für die Linke führte die SPD-Kampagne zu starken Verlusten. Zudem verlor die Linke an BSW und AfD.
* Wie in Sachsen-Anhalt versuchte das BSW sich als „Anti-Brandmauer“-Partei anzubieten. In Mecklenburg-Vorpommern war dieses Angebot jedoch nicht erfolgreich.
* Die SPD-Kampagne war für die SPD zwar erfolgreich, konnte jedoch der AfD schaden und schwächte das weitere demokratische Lager empfindlich.
1. Wahlergebnis
In einem beachtlichen Schlussspurt ist es der SPD mit 35,5 Prozent beinahe gelungen, der AfD den Spitzenplatz noch streitig zu machen. Die AfD erreicht jedoch mit 38,3 Prozent den ersten Platz. Die Linke erreicht 6,5 Prozent, die CDU stürzt ab auf 4,9 Prozent und verpasst den Wiedereinzug in den Landtag. Die Grünen können mit 5,7 Prozent erneut in den Landtag einziehen. Das BSW verpasst den erstmaligen Einzug knapp und die FDP fällt mit einem Prozent klar aus dem Landtag.
Im Ergebnis der Landtagswahl werden mit AfD, SPD, Linken und Grünen nur vier Parteien im Landtag vertreten sein. Die Sitzverteilung zeigt dann, dass eine Mehrheitsregierung unter Auslassung der AfD nur durch Koalition von SPD, Linken und Grünen möglich sein würde.
2. Prognosen, Umfrageverlauf, Aufholjagd
Die Verschiebungen der Kräfteverhältnisse in Mecklenburg-Vorpommern seit Anfang 2025 sind gewaltig. Noch im Januar 2025 stand die SPD klar als zweite Kraft mit 22 Prozent weit hinter der AfD, die damals mit 30 Prozent prognostiziert wurde. Die CDU war damals durchaus noch auf Augenhöhe mit der SPD, wurde damals auf 17 Prozent prognostiziert. Im Mai 2026 stellte sich die Lage vollkommen anders dar. Die AfD wurde mit 36 Prozent bereits deutlich stärker und nah am Wahlergebnis prognostiziert, die SPD hatte einige Prozentpunkte auf 27 Prozent aufgeholt. Die CDU wurde nur noch bei 10 Prozent gesehen, die Linke noch bei 13 Prozent. Auf der Grundlage solcher Zahlen konnte der Eindruck erfolgreich kommuniziert werden, die SPD habe noch eine realistische Chance, die AfD als stärkste Kraft einzuholen. Dieses Prognosebild blieb bis etwa Anfang September stabil. Ab dem 2. September und somit noch vor der Wahl in Sachsen-Anhalt stiegen die Zahlen der SPD stark an, während CDU und Linke deutlich verloren. Hier griff die Kampagne der SPD mit dramatischer Wucht.
3. Blick auf die Parteien
SPD
Die SPD setzte in ihrem Wahlkampf auf eine starke Personalisierung über die amtierende Ministerpräsidentin Schwesig. Nachdem im Sommer 2026 die Prognosezahlen eine Möglichkeit andeuteten, die SPD könne die AfD im Rennen um den ersten Platz noch einholen, starte eine sehr erfolgreiche und den gesamten Wahlkampf prägende personalisierte Kampagne der SPD vor allem auch zur Gewinnung von taktischen Stimmen, die ansonsten anderen demokratischen Parteien zugefallen wären. Die SPD konnte so die AfD zwar noch beinahe einholen, aber nicht schwächen. Die AfD holte ein Rekordergebnis., während vor allem CDU und Linke durch die Kampagne der SPD unter Druck gerieten.
Das Wahlergebnis von 35,5 Prozent bedeutet dennoch einen Verlust von 4,1 Prozentpunkten für die Partei. Für das Rot-rot-grüne Lager bedeutet dieses Wahlergebnis mit 47,7 Prozent das schlechteste seit 1990.
AfD
Die AfD befindet sich in einer zweiten Durchbruchsphase. Sie kann nun in ostdeutschen Flächenländern Ergebnis an und sogar über 40 Prozent erreichen. Die, für die AfD sehr erfolgreiche Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dürfte ihr noch etwas Rückenwind gegeben haben. Anders als in Sachsen-Anhalt stand die Frage einer Regierungsübernahme durch die AfD in Mecklenburg-Vorpommern nicht zu Debatte, da hier Mehrheiten dafür kaum in Reichweite liegen. Das Ergebnis von 38,2 Prozent reiht sich nun in sehr hohe Ergebnisse für die AfD ein, erneut wurde die Partei stärkste Kraft. Der SPD gelang es auch lediglich unter sehr hohen Kosten, die AfD auf Augenhöhe zu halten. Erneut war das hohe Ergebnis der AfD auch Resultat einer sehr hohen Mobilisierung bisheriger Nicht-WählerInnen. Diese machten den Hauptteil der Zuwächse der AfD aus, doch auch die hohe Zahl ehemaliger SPD-WählerInnen ist bemerkenswert.
CDU
Für die CDU ist das Ergebnis ein Desaster. Die Partei verfehlt mit 4,9 Prozent den Wiedereinzug in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Partei verfehlt sie einen Wiedereinzug in eine Landtag und erzielt das schlechteste Landtagwahlergebnis aller Zeiten. Die Partei verliert massiv an AfD und SPD, wird eindeutig im Duell der beiden großen Parteien aufgerieben.
Linke
Noch den ganzen Sommer über erhielt die Linke stabile Prognosen teils deutlich über 10 Prozent. Erst als die Anti-AfD-Kampagne der SPD ganz merkbar griff, stürzten auch die Prognosewerte der Linken ab. Die Prognosen suggerieren, dass sich angesichts dieser sehr effektiven und zugkräftigen Kampagne eine große Zahl von WählerInnen, die sich zuvor für die Linke entscheiden wollten, auf die SPD und Manuela Schwesig orientierten. Für die Linke bedeutet das Landtagswahlergebnis von 6,5 Prozent das schlechteste Ergebnis für Linke bzw. PDS seit 1990. WählerInnen gingen in großer Zahl an die SPD verloren. Weitere Verluste musste die Partei an BSW und AfD hinnehmen.
Grüne
Die Grünen verlieren leicht, können dennoch knapp wiederum in den Landtag einziehen. Die Rolle der Partei wurde im Wahlkampf als mögliche zusätzlich notwendige Koalitionspartnerin diskutiert. So gab es auch erneut durch Campact einen Aufruf zum taktischen Wählen der Partei. Es wirkt nicht so, als sei dieser Aufruf sehr erfolgreich gewesen. Dass es nun dennoch für die Grünen zum Wiedereinzug gereicht hat, verbucht die Partei als guten Erfolg. Eine mögliche Regierungsbeteiligung unterstreicht diesen Eindruck.
BSW
Das BSW scheitert knapp an der 5-Prozent-Hürde. In Sachsen-Anhalt hatte ein Angebot zur taktischen Wahl an RechtswählerInnen noch zum Erfolg geführt. Während die Partei in den Prognosen schon länger unterhalb der Sperrklausel gesehen worden war und auch das Auftreten der Partei in anderen Ländern ausgesprochen zerstritten und unprofessionell wirkte, konnte dieses taktische Angebot noch die notwendigen Stimmen zu einem Landtagseinzug einbringen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurden solche Avancen gemacht, konnten aber aufgrund der Kräfteverhältnisse nicht in gleichem Maße verfangen. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wurden als vorletzte und letzte Chance des BSW gesehen. Im Ergebnis dieser Landtagswahlen ist das Ergebnis für das BSW nun nicht eindeutig. Das BSW hat bislang zeigen können, dass es gerade in den ostdeutschen Ländern durchaus ein Potential für „linkskonservative“ Politikangebote nach Art des BSW gibt. In Verbindung mit klaren Avancen nach Rechts hat das BSW nun einen knappen Erfolg in Sachsen-Anhalt einfahren können. Auch wenn, auch angesichts des Zerbrechens der BSW-Fraktionen in Thüringen und Brandenburg, die Zukunftsaussichten für die Partei nicht die Besten zu sein scheinen, ist die Geschichte des BSW noch nicht zu Ende erzählt und die weitere Entwicklung abzuwarten.
FDP
Auch zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern kann die FDP ihre neue Rolle nicht finden. Sie verliert 4,8 Prozentpunkte und erzielt noch 1 Prozent, spielt damit in der Politik in Mecklenburg-Vorpommern keine Rolle mehr.
4. Taktisches Wählen – Duellsituation
Schon zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September spielten Diskussionen um taktisches Stimmverhalten, aber auch um darauf gerichtete Kampagnen eine größere Rolle. Die Kampagne zur taktischen Wahl war in Sachsen-Anhalt nicht wirkungslos, wie sich am Ergebnis der Grünen deutlich ablesen lässt. Wie stark die Wirkung jedoch war und wer am negativsten davon betroffen war, ist jedoch schwer einzuschätzen.
In Mecklenburg-Vorpommern bestimmten die Schlussphase des Wahlkampfes zwei Erzählungen zur taktischen Wahl. Die Grünen und ihr Umfeld wollten zur Wahl ihrer Partei unter Hinweis auf die drohende 5-Prozent-Hürde motivieren. Auch in Mecklenburg-Vorpommern versuchte Campact taktische Stimmabgaben für die Grünen zu bestärken. Die erfolgreichere Kampagne zur taktischen Wahl ging jedoch von der SPD aus. Nachdem sichtbar geworden war, dass die AfD möglicherweise doch noch einholbar wäre, gewann diese SPD-Kampagne wirklich Fahrt. Mit dem Slogan „Die Frau gegen Blau“ wurden durch die Polarisierung zwischen AfD und SPD alle weiteren demokratischen Parteien in eine schwierige Lage gebracht, alle unter 7 Prozent gedrückt, die Grünen drohten nun wieder aus dem Landtag zu fallen und die CDU ereilte dieses Schicksal sogar.
Bei vergangenen Wahlen in Ostdeutschland war diese Duellsituation schon wiederholt eingetreten. Ein wichtiges Merkmal bei Wahlen in ostdeutschen Flächenländern war in der Vergangenheit eine hohe taktische Mobilisierung für die stärkste demokratische Partei. In den Wahlkämpfen wurde vermittelt, es bestünde die reale Gefahr, die AfD würde als stärkste Partei abschneiden. Taktische Wahl der stärksten demokratischen Partei – sei diese die CDU oder die SPD – könne einen wichtigen Beitrag zur Verhinderung einer AfD-Regierung leisten. So kam es zu einigen Landtagswahlen, bei denen die AfD Wochen vor der Wahl als Spitzenreiterin prognostiziert, bis zum Wahltag aber abgefangen wurde. Die taktische Mobilisierung taktischer WählerInnenstimmen dürfte dabei die entscheidende Rolle gespielt haben. Zu beobachten war dieser Prozess schon in Sachsen-Anhalt 2021, obwohl diese Wahl noch in die Stagnationsperiode der AfD fiel. CDU und AfD lagen in den Umfragen vor der Wahl etwa gleich und hatten abwechselnd die Nase vorn. Schließlich erreichte die CDU 27 Prozent und die AfD 26 Prozent. Zur Landtagswahl in Sachsen 2024 wurde bis kurz vor der Wahl ein Vorsprung der AfD vor der CDU prognostiziert. 14 Tage vor der Wahl sah eine Prognose mit CDU 29 Prozent und AfD 32 Prozent einen erkennbaren Vorsprung für die AfD. Schließlich erhielt die CDU 31,9 Prozent und die AfD 30,6 Prozent. Zur Wahl in Brandenburg ebenfalls im September 2024 sahen die Prognosen vor der Wahl stets die AfD an der Spitze. Schließlich erhielt die AfD 29,2 Prozent und die SPD 30,9 Prozent.
Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 klaffte jedoch im Vorfeld der Wahl der Abstand zwischen den Prognosewerten der CDU und der AfD so weit auseinander, dass eine Duellsituation dieser Parteien nicht mehr glaubwürdig war. Das Potential taktischer AfD-Stimmen verlagerte sich dort auf SPD und vor allem Grüne. Zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wurde diese Duellsituation wieder hergestellt und durch die starke Kampagne der SPD noch verstärkt.
Kontext 1:
Strukturelle Mehrheiten in Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommern hatte in den Jahren nach der Wende bis 1998 von der CDU-geführten Landesregierungen unter den Ministerpräsidenten Gomolka und Seite. 1998 folgte dann mit Harald Ringstorff der erste sozialdemokratische Ministerpräsident und ihm folgte 2008 sein Parteifreund Erwin Sellering, der 2017 von der amtierenden Ministerpräsidentin Manuela Schwesig abgelöst wurde. Waren die ersten Kabinette Gomolka und Seite noch Koalitionsregierungen aus CDU und FDP, trat die SPD mit dem zweiten Kabinett Seite 1994 in die Regierung ein. Seit dem 8.12.1994 war die SPD in Schwerin an der Regierung. Zuerst als Juniorpartnerin der Union, dann vier Jahre eine Koalition mit der PDS anführend, ab 2006 dann 15 Jahre führend in einer sog. Großen Koalition und seit 2021 als große Partnerin in einer rot-rot Koalition mit der Linken.
Die Wahlergebnisse im Land Mecklenburg-Vorpommern bilden seit der Wende durchgehend eine strukturelle Linke Mehrheit im Land ab. Diese war auch schon in den Jahren unmittelbar nach der Wende und angesichts einer zuerst schwarz-gelben und dann schwarz-roten Regierungskonstellation gegeben und hat sich mit Schwankungen bis heute stets erhalten. Bis 2011 erwies sich die Option der „Großen Koalition“ dabei stets als zahlenmäßig überlegen. Dies Verhältnis fand zur Landtagswahl 2002 einen Höhepunkt. Eine Große Koalition hätte zu diesem Zeitpunkt fast 72 Prozent der Stimmen repräsentiert, während das linke Lager beinahe 60 Prozent erhielt, die tatsächlich gebildete rot-rote Regierung ca. 57 Prozent und das rechte Lager lediglich etwa unter 33 Prozent der Stimmen. Erst ab 2011 verlor die schwarz-rote Option die führende Rolle oder lag künftig etwa gleich auf mit dem linken Lager.
Kontext 2:
SPD-Wahlergebnisse in den neuen Ländern
Die Wahlergebnisse der SPD bei Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern driften auseinander. Nun, nach den Landtagwahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern lässt sich der Trend gut zeigen. Angesichts der überaus starken Ergebnisse der AfD in den ostdeutschen Bundesländern in der Phase ihres zweiten Durchbruchs, wird die Frage, wer die jeweils führende demokratische Partei ist, immer bedeutsamer. Diese führende Partei, kann, wenn sie Aussichten hat, die AfD im Rennen um Platz eins einzuholen, Hoffnungen haben, ihre Position in etwa halten zu können. Für die SPD trifft diese besondere Lage auf ein zweites Dilemma. Während im Zuge stärkerer Polarisierung die Parteien sich stärker klar definierten Lagern zuordnen können, ist das SPD-Klientel widersprüchlicher. Hier werden linke Positionen etwa im Sozialen und zu Fragen sozialer Infrastrukturen ebenso abgefragt, wie auch Positionen, die eher der politischen Rechten zugeordnet werden. In einer führenden Rolle, kann die Partei diese Widersprüche besser moderieren und ausgleichen. Als Juniorpartnerin einer Koalition gelingt ihr dies nicht mehr. Insbesondere die Entwicklung der SPD in Berlin seit dem Regierungswechsel 2023 zeigt dies an. In Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg hält die Partei diese führende Rolle nach wie vor und kann ihre Position derzeit auch noch halten, während sie in anderen Ländern in große Schwierigkeiten geraten ist.
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